Pressestimmen

Todgeweihte sehen anders aus
Ist das Internet nun der Tod des stationären Einzelhandels oder nicht? Komischerweise glauben manche Unternehmer, diese Frage sei immer noch nicht endgültig beantwortet. (Tim Cole, ProFirma - Das Magazin für den innovativen Mittelstand 12/2006 IT & Investition, Kolumne: Cole`s Corner) .
Ich kann mich gut an eine Diskussionsrunde in den frühen Tagen des deutschen Internets erinnern, als es um Online-Shops wie Amazon ging. Es war irgendwo in einer mitteldeutschen Kleinstadt, und in der hinteren Reihe stand ein Herr mittleren Alters auf, stellte sich als der örtliche Buchhändler vor und meinte: ÑDas ist der Tod des deutschen Buchhandels!ì
Nun, inzwischen sind viele Jahre vergangen und der Buchhändler bei mir am Eck freut sich immer noch seines Lebens. Ja, er hat einige Kunden an Amazon verloren, aber andere sind erst durchs Internet auf bestimmte Bücher neugierig geworden und kommen zu ihm, um erst mal darin zu blättern, sich beraten zu lassen ñ und dann zu kaufen.
Buchhändler, Reisebüros, Herrenausstatter, Computerhändler, Apotheken: Jedem von ihnen ist schon das Ende dank World Wide Web vorausgesagt worden, alle haben bis heute überlebt ñ warum? Erstens, weil es der Kunde so will ñ schließlich bestimmt er selbst, über welchen Kanal er einkaufen, sich informieren oder sich beraten lassen will. Und zweitens, weil sich der deutsche Handel als anpassungsfähiger erwiesen hat, als es ihm viele zugetraut haben. Immer wieder höre ich von pfiffigen Leuten mit witzigen Ideen: Zum Beispiel das Reisebüro, das sich selbst per Internet preiswerte Angebote zusammenkauft und sie zu eigenen Komplettreisen bündelt. Oder der Laptop-Händler, der Altgeräte seiner Kunden in Zahlung nimmt und damit einen blühenden Online-Handel bei Ebay betreibt.

Ganz besonders habe ich mich aber kürzlich in Detmold über eine Begegnung der besonderen Art gefreut. Die örtliche Sparkasse hatte mich eingeladen, einen Vortrag zu halten. Vor mir hatten zwei schlaksige, junge Männer ihren Auftritt. Der eine hatte eine Posaune dabei und blies ein paar Takte, dann legten sie gemeinsam los und präsentierten eine Erfolgsstory der besonderen Art, nämlich "Musikalienhandel.deì. Der eine, Wolfgang Meyer-Johanning, betreibt seit Jahren einen kleinen Musikladen, in dem es auch Noten zu kaufen gibt. Der andere, Sven Schäfermeier vom Internet-Dienstleister Klickmeister GmbH in Essen, hat ihm einen Webauftritt gebaut, der heute zwischen 150 und 200 Bestellungen am Tag generiert.

Er fürchte sich ein bisschen vor dem Weihnachtsgeschäft, gab Meyer-Johanning später zu, denn da dürfte die Zahl auf über 300 steigen. Seine fünf Mitarbeiter und er werden wohl Mühe haben, die vielen Päckchen pünktlich zur Post zu bringen, denn sie machen das ja alles immer noch nebenher. Und im Laden wartet Kundschaft. Auf Dauer werde er nicht darum herumkommen, den Versand auszulagern, aber einstweilen will er sich mit Aushilfen verstärken und halt abends ein paar Stunden länger im Geschäft bleiben.

Solche Töne hört man im deutschen Mittelstand leider höchst selten. Herr Meyer-Johanning hat dagegen gelacht, als ich ihm zu seinen Problemen gratuliert habe. Wie ein Todgeweihter sah er dabei wirklich nicht aus. Eher nach einem, der den Erfolg in vollen Zügen genießt ñ online und offline.



(Tim Cole gilt als einer der erfahrensten Internet-Publizisten im deutschsprachigen Raum. Seine Beiträge, Kommentare und Kolumnen erscheinen im führenden Wirtschaftsmagazinen (ÑCapitalì) , Tageszeitungen Ñ(Die Weltì), Fachpublikationen (ÑDie Geschäftswelt ñ Kundenmagazin der Sparkassen-Finanzgruppeì) und Internet-Zeitschriften (ÑPC-Onlineì). Als TV-Moderator war er zusammen mit seinem Kollegen Ossi Urchs maßgeblich an dem Sendekonzept ÑeTalkì für die Nachrichtensender n-tv und N24 beteiligt. Als Buchautor (ÑErfolgsfaktor Internetì, Econ, ÑManagementaufgabe Sicherheitì, Hanser), Berater und Referent bei Seminaren und Firmenveranstaltungen steht der gebürtige Amerikaner im laufenden intensiven Dialog mit Führungskräften aus Wirtschaft, Politik und Finanzen.)